Abhörstation Teufelsberg

Nach einer gefühlten Ewigkeit habe ich am Samstag das erste mal wieder meine Kamera ausgeführt. Ziel unseres Dates: Der Teufelsberg. Genauer gesagt, die ehemalige Abhörstation darauf. Mit 114 Metern war der Teufelsberg bis vor kurzem die höchste Erhebung unserer schönen Hauptstadt. Kein Wunder, dass die amerikanischen und später auch britischen Alliierten Spionageversuche von dort aus starteten. Von 1960 bis 1970 wurden aus den provisorischen Abhörfahrzeugen feste Gebäude mit allem nötigen Zubehör. Je nach Wetter konnte man sogar bis nach China hören. Welche Informationen die NSA dabei erhalten hat, wird sich frühestens 2022 zeigen, denn die ensprechenden Archive der Alliierten dürfen erst dann geöffnet werden. Seitdem 1992 die Demontage der Abhöranlage erfolgte, steht das Grundstück mitsamt den Gebäuden mehr oder weniger leer. Immerwieder kamen Pläne auf, das Gelände erneut zu nutzen. Von Hotels, Freizeitstätten und Wohnräumen war die Rede. Nichts davon wurde realisiert. Mit der Zeit litt die alte Abhörstation.bild15 Vandalismus wird hier großgeschrieben. Leider. Natürlich haben die Alliierten hier keine Dokumente oder anderes Interessantes liegen gelassen, aber trotzdem wäre viel mehr des mysteriösen Spionageflairs übrig, wären die großen weißen Kuppeln weder beschmiert, noch zerstört.

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Die momentane Nutzung, als Künstlerwerkstätte spaltet meine Gefühle. Einerseits sind dort wirklich talentierte Sprayer unterwegs, die über das Geschmiere von Nichtsnutzen wirklich ansehnliche Kunstwerke malen..die Schrottsammlung dort, die irgendwie Kunstvoll „gestapelt“ und angeordnet wurde entspricht glaube ich momentan dem Zeitgeist der Stadt.. andererseits lenken die bunten Bilder und der restliche Krempel vom Wesentlichen ab. Während ich die Bilder wirklich ansprechend finde, stört mich der gesammlte Müll extrem. bild1

Seit die Station für den Publikumsverkehr mehr oder weniger legal geöffnet ist, ist es natürlich kein Problem reinzukommen. Nachdem man auf einem kleinen Parkplatz im Grunewald geparkt hat, muss man noch ein kleines Stückchen den Berg hoch laufen. Oben angekommen wird man von den ersten Müllbergen begrüßt. Auf der linken Seite steht eine Art Kassiererhäuschen, das von einem unfreundlichen Mann besetzt ist, der 8€ Eintritt und eine Unterschrift unter einem Haftungsausschluss verlangt. Ein paar Sekunden später steht man inmitten einer Mischung aus einer Hipster-Kunstausstellung und einer geschichtsträchtigen Abhörstation aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Geradezu stehen der bekannte Turm und die Kuppeln, die die Berliner Skyline prägen. Um dort hinzugelangen überquert man eine Art Hof an den weitere Gebäude grenzen. Hier stehen außerdem eine Bar und mehrere Statuen. Mit Statuen meine ich nicht die hübschen Marmor- oder Gipsfiguren, die man in Springbrunnen findet, sondern Ansammlungen von Schrott, die aussehen als wären sie nicht unabsichtlich aufeinander oder nebeneinander gefallen.. Dazu zählt unter anderem ein abgebranntes, verrostetes Autowrack, das orange angesprüht wurde.bild3 Bringt man diesen Müllgarten hinter sich, kommt man auf einen Weg, der an weiteren leerstehenden Gebäuden vorbeiführend zum Aufgang des Turms führt. Zuerst gelangt man in zwei Stockwerke eines großen Gebäudes auf dessen Dach die beiden weißen Kuppeln stehen, die der Abhöranlage ihren Charakter verleihen. Diese beiden Etagen gleichen einer alten Fabrikhalle. bild7Viele Außenwände sind eingerissen, innen hingegen wurden zusätzliche Wände eingezogen – Vermutlich um den gesprayten Kunstwerken mehr Fläche zu bieten.  An eine Spionagestation erinnert hier nichts mehr. Auf das Dach gelangt man durch eines von zwei Treppenhäusern; der Fahrstuhl fährt schon lange nicht mehr. Oben angekommen hat man einen hervorragenden Ausblick über Berlin. Sogar bei diesigem Wetter ist es kein Problem den Fernsehturm zu erkennen.

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Die Akustik in den Kuppeln ist trotz der vielen Löcher und der eingerissenen Stellen unglaublich. Ich finde keine Worte, die beschreiben, wie es sich angefühlt hat dort oben. Durch ein abgedunkeltes Treppenhaus gelangt man in die oberste Etage des Turms. Die Zwischengeschosse sind verriegelt. Anders als ich erwartet habe, hat man von oben keinen besonderen Ausblick. bild14Die Kuppel ist hier noch intakt und bis auf ein kleines Fenster bleibt der Blick über Berlin versperrt. Aber auch hier sorgt die Akustik für eine ganz besondere Atmosphäre. Jedes Sandkorn, das hier über den Boden rollt hört man laut und klar. Der Wind, der gegen die Kuppelwände schlägt klingt wie das Meer.. wie eine Lawine. bild11Hier oben vergisst man die bunten Malereien an den Wänden weiter unten. Man vergisst den Lärm der Stadt und all die Verpflichtungen. Es fällt leicht, sich vorzustellen wie die amerikanischen und britischen Spione von hier aus der Welt zugehört haben. Beim Abstieg ist mir die ehemalige Funktion des Ortes näher als beim Aufstieg. Ich will mehr. Ein bisschen Abseits suche ich einen Eingang zu einem der anderen Gebäude. Vorerst vergeblich. Nach mehreren Anläufen finde ich eine Garage mit offener Tür. Auch hier sammelt sich Müll. bild13Um hereinzugelangen muss ich an alten Spielautomaten und einem Roulettetisch vorbei. An der Wand befinden sich große Spintartige Türen, hinter denen sich verrostete Sicherungen und Kabelstränge verstecken.img_5198 Es liegen alte Generatoren und Maschinen herum. Manche von ihnen scheinen tatsächlich noch aus Spionagezeiten zu stammen. Zu meiner Freude ist der Zugang zum nächsten Raum nicht verschlossen. Kennt ihr Outlast? Outlast ist ein Playstationspiel, in dem man aus einer verschlossenen und verlassenen Irrenanstalt fliehen muss, in der immernoch Patienten ‚leben‘. Kaum betrete ich den pechschwarzen Raum auf dem ehemaligen Abhörgelände fühle ich mich direkt in das Spiel hineinversetzt. Mit der iPhone-Taschenlampe schaffe ich nur einen Lichtkegel, der nicht mal ausreicht um den Hausschlüssel in der Handtasche zu finden. Wie hilfreich sie also in einem 300 Quadratmeter großen stockdunklen Raum ist, könnt ihr euch denken.. Von den Decken hängen alte Kabel und Leuchtstoffröhren so tief, dass man problemlos dagegenlaufen könnte. Auf dem Boden liegen Stapel von Betonplatten und Fliesen unter dicken Plastikplanen. Es gibt mehrere Waschräume und Toiletten, in denen das Porzellan überall verteilt liegt. In einem kleinen Raum stehen ein Tisch und zwei Stühle. Daben stehen Hausschuhe. Creepy. Ein paar Meter weiter befindet sich ein großes Treppenhaus. Die Debild17cke ist hier sicher 15 Meter hoch. Da aber von oben schon Dachbalken herunter hängen, entscheide ich mich gegen einen Besuch des oberen Stockwerks. Zurück im Eingangsbereich hinter der Garage entdecke ich eine Art Bunker. Ein schwerer Metalldeckel liegt etwas verschoben auf einer Öffnung durch die man mit einer Leiter hinabsteigen kann. Das Licht meiner Taschenlampe reicht gerade so um zu erkennen, dass der Boden etwa 2 Meter entfernt ist und unten wohl mal Wasser gestanden hat. Es sieht nicht so aus, als würde es von dort irgendwo hingehen. Hinter mir finde ich ein weiteres kleineres Treppenhaus. Die Marmorierung des Bodens und der schwarze Balken an den Stufenrändern erinnern an ungemütliche DDR Treppenhäuser. Dieses hier wirkt aber stabiler als das erste, also versuche ich mich an den von Müll und Schrott übersähten Stufen und komme bis ins 2. Stockwerk. Hier fehlen Teile des Bodens und das Dach ist an einigen Stellen eingestürzt. Die Treppe würde theoretisch weiter bis auf das Dach führen, da ich aber schon einen Eindruck habe, wie unbegehbar es ist, gehe ich wieder runter. Draußen höre ich eine Gruppe von Menschen vorbeilaufen. Langsam wird es dunkel draußen. Zeit nach Hause zu gehen.

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