Die vergessene Siemensbahn

hier fahren schon lange keine Züge mehr.

Wie der Name schon verraten lässt wurde die S-Bahnstrecke von der Firma Siemens erbaut. Zwischen den Gebäudekomplexen von Siemens fuhr sie ab 1929 vom S-Bhf Wernerwerk über die Station Siemensdamm bis zum S-Bhf Gartenfeld, damit die damals rund 90.ooo Firmenangestellten schneller zur Arbeit kommen. Anbindung an das Netz fand sie am S-Bhf Jungfernheide. Seit dem Reichsbahnerstreik 1980 steht die Linie still.


Gesehen habe ich die alte S-Bahnbrücke schon oft, wirklich Aufmerksamkeit geschenkt habe ich ihr nie. Weil ich euch neuen Input bieten will, schnappe ich mir meiner Kamera und fahr los. Ich dachte ich parke einfach am Siemensdamm, laufe die Brücke hoch und stehe mitten auf dem alten Bahnhof. Fehlanzeige.

An der Station Wernerwerk angekommen erkenne ich, dass ich mit meiner easy-entrance-Vorstellung deutlich daneben lag. Der Bahnhof ist umzäunt, abgesperrt, verriegelt. Ich laufe einmal herum, komme zwar unter den Bahnhof, aber nicht hinauf. Verärgert wechsle ich die Straßenseite und gehe die Brücke entlang. IMG_3700--Ein paar Minuten Fußweg später führt die Brücke auf eine Art Erderhebung und ich kann auf die Gleise klettern. Oben angekommen befinde ich mich in einer ziemlich sichtbaren Position. Die Gleise entlang, oben über die Brücke, komme ich nicht ohne gesehen zu werden. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als den Gleisen in die andere Richtung zu folgen. Die nächste Station „Siemensdamm“ ist laut google 1,7 km entfernt – ich bin begeistert.. Mittlerweile bin ich vom Regen durchnässt, genau wie die Bohlen unter den Schienen. Ich glaube ich brauche nicht erwähnen wie spaßig es ist, gute anderthalb Kilometer im Regen auf glitschigen, bewachsenen Schienen zu laufen während man versucht ungesehen zu bleiben und trotzdem von Rentnern mit verurteilenden Blicken bestraft wird..

IMG_3734--Ein paar mal kreuzt die Bahnstrecke Straßen. Ich ducke mich und schlittere halbwegs ungesehen, hinter dem Geländer der Brücke, die Gleise entlang zum S-Bhf Siemensdamm.

Kurz bevor ich ankomme lässt der Regen nach. Das gleichmäßige Prasseln wandelt sich in ein unregelmäßiges Platschen und Tropfen. Ich gehe eine kleine Treppe hoch und stehe auf einer Betonplattform. Die verlassene Station. Ich scheine nicht die erste zu sein, die diesen Ort entdeckt hat. Die Wände sind mit Graffiti versehen, Bierflaschen und Müll liegen herum. Auch die Natur breitet sich aus. Auf dem Bahnsteig wachsen bereits Bäume, Sträucher und Rankpflanzen. Die besten Tage hat diese Haltestelle längst hinter sich. Die Fahrkartenautomaten bestehen nur noch aus Blechkisten mit Kabelstummeln, die Bahnhofsuhren fehlen und die Treppen zur Straße sind zugemauert. Das was von den Gleisen noch übrig ist, gleicht einem kleinen Wald. IMG_3736--

Am hinteren Ende des Bahnhofs befindet sich ein weiterer Treppenabstieg zur Straße, in den ich nicht hineingucken kann. Ich höre ein Knistern, ein Klackern, ein Tropfen. Vorsichtig schleiche ich mich herüber und gucke runter – nur eine Plastiktüte. Viel Sehenswertes ist hier oben nicht zu entdecken. Die Zeit scheint stillzustehen. Niemand kümmert sich um die zugewachsenen Gleise, die verrosteten Stahlträger und die kaputten Glühbirnen in den Lampen. Der Bahnhof mit all seinen Aufgaben und Diensten scheint aus den Köpfen der Menschen verschwunden zu sein, längst vergessen.

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Zwischen dem ganzen Graffiti und Müll lassen nur noch die alten Deckenlampen und Schilder erahnen, wie dieser Bahnsteig vor gut 30 Jahren aussah. Damals hingen die großen Uhren noch in ihren Fassungen, Fahrpläne schmückten die gemauerten Wände, sogar ein kleiner Kiosk scheint hier seine Dienste geleistet zu haben.


War jemand von euch schonmal auf einem der anderen beiden Plattformen „Wernerwerk“ oder „Gartenfeld“? Habt ihr dort ähnliche Erfahrungen gemacht?

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Doktor-Georg-Benjamin-Krankenhaus

Doktor-Georg- Benjamin-Krankenhaus, Rückseite
Doktor-Georg- Benjamin-Krankenhaus, Rückseite

Das Doktor-Georg-Benjamin-Krankenhaus war ursprünglich eine Kaserne, die zum Krankenhaus umfunktioniert wurde. Im Mai 1998 geschlossen, steht es nun leer. Immer wieder höre ich von gruseligen Geschichten, Geistern und grausamen Taten, die das leerstehende Krankenhaus betreffen.

Chirurgische AbteilungIch erinnere mich, dass es vor einigen Jahren in meinem Freundes- und Bekanntenkreis ‚in‘ war, als eine Art Mutprobe, nachts in die Gebäude einzudringen und dort herumzulaufen. Viele Male stand ich davor, traute mich nicht hinein. Diejenigen, die herauskamen erzählten immer wieder fesselnde Geschichten. Alte Operationstische, rostige Infusionsständer, leerstehende Betten. Eine Freundin berichtete mir von einem faulenden Pferdekopf auf einem Operationstisch und roten Zeichen an den Wänden, wie man es aus all den Filmen kennt.. An den Wänden sollen Dinge geschrieben stehen wie „Du wirst sterben“, „Dreh um“ und „Ich habe dich gewarnt..“.

Bis vor einer Woche habe ich seitdem nichts mehr über das alte Krankenhaus gehört. Durch einen Zufall wurde mein Interesse wieder geweckt.

Ich weiß nicht wie es euch geht, aber alte Gebäude und ihre Geschichten ziehen mich an, wie das Licht die Motten. Was würde das Krankenhaus erzählen, wenn es könnte? Was hat es erlebt? Wen hat es beherbergt? Wer hat hier das Licht der Welt erblickt oder hinter sich gelassen? Es wären sicher zahlreiche spannende Geschichten.

Der scheint seine Dienste geleistet zu haben..


Samstag mittag. Mein Freund und ich liegen noch im Bett. Das Wetter ist grau und regnerisch und überhaupt nicht motivierend rauszugehen. Wir klicken uns durch’s Internet und finden auf Facebook einen Beitrag zu verlassenen Orten in Berlin. Das Doktor-Georg-Benjamin-Krankenhaus ist zwar nicht erwähnt, schießt mir aber sofort in den Kopf. Keine 10 Minuten später sitzen meine Kamera und ich mit meinem Freund und einer Freundin im Auto auf dem Weg zu besagtem Krankenhaus. Den Tag hätten wir nicht perfekter wählen können – die Straßen rund um das alte Gebäude sind verlassen. Der Haupteingang ist zum Einsteigen zu gefährlich – von den Balkonen der angrenzenden Wohnhäuser könnte man uns sehen. Links führt uns ein Weg den Krankenhauskomplex entlang. Wir sind alleine und unbeobachtet aber die Mauer, die das Krankenhaus an dieser Stelle umgibt, ist zu hoch. Wir müssen weiter laufen. Einige Minuten später finden wir ein Loch im Zaun. Ein Blick nach links und rechts und schon rennen wir quer über die Krankenhauswiese zu einer Mauer, in eine Nische. Das Krankenhaus-Areal besteht aus einem Hauptgebäude und mehreren großen Nebengebäuden. Das Gelände ist parkähnlich angelegt und wirklich weitläufig. Das Gebäude, an dem wir stehen ist verbarrikadiert. Alle Fenster und Türen im Erdgeschoss sind mit großen Metallplatten verschraubt. Wir wollen nichts kaputt machen und haben keine Leiter dabei, also gehen wir weiter. Um die Ecke ragen Leitungen und große Rohre aus der Erde und führen in ein weiteres Gebäude. Wir klettern durch und nehmen uns das nächste Gebäude vor. Auch hier gibt es keine Chance hereinzukommen ohne etwas zu zerstören. Mittlerweile sind wir so weit vorgedrungen, dass man uns nicht sehen kann, wenn man nicht auch auf dem Gelände steht. Immer wieder hört man Knacklaute, ein lautes Klackern und Stimmen. Es ist sehr stürmisch und die zahlreichen Bäume um uns herum biegen sich beängstigend stark. Ich fühle mich angespannt. Auf dem gesamten Gelände findet man nicht ein einziges intaktes Fensterglas, die Außenwände sind besprüht, es liegen Bierflaschen wohin man auch tritt. Langsam legt sich meine Angst, hier auf mystisches oder übernatürliches zu treffen – aber mir wird klar wir sind hier nicht die ersten und bestimmt nicht allein. Wir gehen weiter. Die Gebäude um uns lassen uns durch ihre Aufschriften nur erahnen, was einst in ihnen vorging – hinein kommen wir nicht. Links von mir lese ich „Chirurgische Abteilung“, rechts „Innere Abteilung“. Come in..Ein Gebäude weiter haben wir Erfolg. Die Tür des zweistöckigen Hauses steht offen. Ich gehe zwei Stufen hoch und stehe im Flur. Hier finden wir einen stillgelegten Fahrstuhlschacht und ein Treppenhaus. Der Rest liegt auf den ersten Blick im Verborgenen. Durch die zugenagelten Fenster scheint kein einziger Lichtstrahl und wir müssen die Taschenlampen einschalten. Die Decken hängen an einigen Stellen sehr tief und fast alle Wände sind triefend nass. Wir beschließen, nur die sicher aussehenden Räume zu begehen und unter die Lupe zu nehmen. Ein dunkler Flur mit weit aufgerissenen Türen erinnert mich an Filme, an die ich in diesem Moment lieber nicht denken möchte. Nichtsdestotrotz gehen wir ihn entlang. Die Räume zu unserer Rechten sehen aus wie alte Waschräume. Die Wände sind deckenhoch gefliest und am Boden befinden sich Ablaufrinnen. Allerdings ist der Boden nicht gefliest und auch die meterlange Glasscheibe in einer Wand lässt mich erkennen, dass ich keineswegs in einem Waschraum stehe. Ich stehe mitten in einem OP. Ich stehe mitten in einem echten Operationsraum. Hier, wo ich stehe, wurden kranke Menschen aufgeschnitten. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Außer ein paar Stühlen ist das untere Stockwerk allerdings leergeräumt. Von leerstehenden Betten, alten Operationstischen und verrosteten Infusionsständern keine Spur. Nicht einmal ein altes Skalpell oder eine Spritze.

Was auf diesen Fluren wohl einst geschah?Ein weiterer Gang im Erdgeschoss steht halb unter Wasser. Wir meiden ihn. Im Obergeschoss ist der Grundriss ähnlich wie unten. Allerdings ist es durch die geöffneten Fenster deutlich heller und einladender. Auch hier liegen nur Glasscheiben und Schutt auf dem Boden. Ich bin enttäuscht. All die Geschichten und Erzählungen, die mich so neugierig gemacht haben, scheinen längst vergangen zu sein. Die Wände sind besprüht. In einem Raum finden wir sogar eine Feuerstelle. In einem weiteren Raum ist das Dach eingefallen und die Natur hat begonnen sich zurückzuholen, was einst ihr gehörte.

Beim Verlassen des Gebäudes fällt mir ein Schild an der Eingangstür auf. „For your safety, when working inside lock the door internally. You cannot be locked in from the outside. CHECK DOOR VIEWER BEFORE LEAVING.“ – Warum? Was läuft hier rum, was uns a) von außen einsperren will und b) so gefährlich ist, dass man sich einschließen soll? Warum soll man durch den Spion gucken, bevor man raus geht? Und warum steht der Text hier, mitten in Berlin, auf Englisch?

hm.Mit dem Text im Hinterkopf kann ich den Rest unserer Entdeckungstour nicht mehr richtig genießen. Erst jetzt fallen mir Sprüche an den Mauern der Gebäude auf, wie „Welcome to hell“ oder „Dreh um!“. Höchstwahrscheinlich die Spur einiger fantasievoller Jugendlicher. Höchstwahrscheinlich.

Alle weiteren Gebäude sind verschlossen. Wir kommen nirgendwo anders hinein. Ich bin einerseits erleichtert, andererseits total enttäuscht. Das Innere der chirurgischen Abteilung hätte ich nur zu gern gesehen. Vielleicht findet man hier noch Überreste aus der Zeit, als das Krankenhaus noch in Betrieb war. Vielleicht hätte ich hier einen verrosteten Infusionsständer, ein leerstehendes Bett, einen alten Operationstisch gefunden. Vielleicht.


Auch wenn ich all die Gerüchte, die über das Krankenhaus kursieren nicht bestätigen kann, hat sich der nicht ganz legale Besuch doch gelohnt. Man fängt eine ganz besondere Stimmung ein und taucht ab in eine andere Zeit. Mit etwas Fantasie erkennt man, wie das Krankenhaus einst genutzt wurde. Wer hier herkommt sollte seine Taschenlampe nicht vergessen und genug Zeit mitbringen. Das Gelände ist wirklich groß und wenn man alles sehen will, braucht man eine Weile. Ich freue mich auf eure Erfahrungsberichte und Fotos!


Die Natur holt sich zurück, was einst ihr gehörte.

Über der Tür: "Welcome to hell"Flur im ErdgeschossOPdie besten Tage hat es eindeutig hinter sich..